Pierre Bourdieus Die feinen Unterschiede (1982) ist das theoretische Fundament von HabitusMatch. Bourdieu zeigt, wie Musikgeschmack nicht individuell ist — sondern soziale Position reproduziert.
„Der Geschmack klassifiziert — und er klassifiziert den Klassifizierer." Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede (1982), S. 25
Der Habitus ist das zentrale Konzept: ein System dauerhafter Dispositionen, das durch frühe Sozialisation erworben wird und alle Wahrnehmungen, Urteile und Handlungen strukturiert. Er ist verkörpertes Kapital — nicht bewusst reflektiert, sondern selbstverständlich gelebt.
Die Wiederholungsstruktur einer Hörliste — welche Künstler immer wieder auftauchen, welche Genres dominieren, welche Lücken bestehen — ist für Bourdieu ein direkter Ausdruck des Habitus. Das Modell analysiert genau diese Strukturmerkmale.
Bourdieu unterscheidet drei Grundformen des Kapitals, die zusammen die Position im sozialen Raum bestimmen:
Musikgeschmack ist primär ein Ausdruck des kulturellen Kapitals — und seiner spezifischen Struktur: ob es eher schulisch-institutionell oder milieu-organisch erworben wurde.
Bourdieus Praxeologie als Makro-Mikro-Brücke: Zeigt, dass im NPO-Feld ökonomisches Kapital dominiert, während institutionalisiertes kulturelles Kapital weniger relevant ist als im Forprofit-Sektor. Analyse von Illusio, Doxa und Hysteresis-Effekten in Nonprofit-Organisationen.
Das Feld ist bei Bourdieu ein strukturierter sozialer Raum mit eigenen Regeln (Doxa), in dem Akteure um Kapital kämpfen. Jedes Feld — das musikalische, das literarische, das akademische — hat eine spezifische Illusio: die geteilte Überzeugung, dass das Spiel es wert ist, gespielt zu werden.
Der Habitus als „strukturierende Struktur" reproduziert soziale Ungleichheit, ohne dass Akteure sich dessen bewusst sind. Musikgeschmack ist ein direkter Habitus-Ausdruck — nicht gewählt, sondern verkörpert (Leguina, 2015; Whiting, 2021).
Hysteresis bezeichnet den Verzögerungseffekt: Der Habitus passt sich langsamer an als das Feld sich verändert. In der Musik sichtbar als fortbestehende Prägung durch Sozialisationsmusik der Jugend — auch wenn Streaming das Feld radikal verändert.
Doxa bezeichnet die unhinterfragten Selbstverständlichkeiten eines Feldes. In der Musik: welche Genres als „kulturell wertvoll" gelten, ohne dass dies explizit begründet wird. Symbolische Gewalt wirkt, weil die Beherrschten die Herrschaftsstrukturen selbst als legitim anerkennen.
Streaming-Plattformen verändern die Feldstruktur schneller als Habitus-Dispositionen sich anpassen können. Algorithmen als neue Feldakteure: Sie reproduzieren bestehende Kapitalstrukturen, können aber auch neue Distinktionslogiken schaffen.
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